Künstliche Intelligenz: Juristen aufgepasst!

Auf Einladung von Fieldfisher konnten wir mit dem plusYOU Team am Donnerstag an einer Veranstaltung zum Thema KI und deren Auswirkungen auf unternehmerische Entscheidungen in der Bucerius Law School teilnehmen. Trotz des etwas sperrigen Titels “Künstliche Intelligenz als Vorstufe für unternehmerische Entscheidungen – sortieren Roboter unsere Handlungsoptionen?” ließen wir uns diese Gelegenheit natürlich nicht entgehen, denn das Thema “ITxLegal” treibt uns in ganz besonderem Maße um. Das dies inzwischen auch für viele eher als konservativ geltende Juristen gilt, konnten wir im Laufe des Abends heraus finden.

Dieser Abend erwies sich als sehr kurzweilig und uns wurde klar, dass es enorm wichtig ist, die Unterhaltung über die Digitalisierung auch und gerade im juristischen Umfeld zu führen. Fragen des Rechts spielen nicht nur im klassischen und aktuell von allen Juristen geliebten Digitalthema Datenschutz eine große Rolle, sondern eben auch im Zusammenhang mit deutlich komplexeren Fragen: Wie kann und soll das selbstfahrende Auto entscheiden, wohin es steuert, wenn bei jeder Entscheidung Menschen zu Schaden kämen? Wie muss die Rechtsanwaltschaft sich aufstellen, wenn Massenverfahren mit Hilfe digitaler Werkzeuge immer umfangreicher werden? Wie müssen Rechtsabteilungen die Zusammenarbeit mit dem Bereich IT ausgestalten, wenn deren Rolle die gesamte Entwicklung des Unternehmens beeinflusst?

Innovationen im Recht

Innovationen im Recht

Aber der Reihe nach...

Nach einer freundlichen Eröffnung durch die Präsidentin der law school, Katharina Boele-Woelki und der spannenden Einführung durch Dr. Philipp Plog, Managing Partner Germany bei Fieldfisher, gaben die Referenten Praxisbeispiele über der Nutzung von KI. Die  anschließende Podiumsdiskussion zeigte, wie relevant es für Juristen ist, sich dem Thema zu öffnen.

Chris Easton, Rechtsanwalt  in London und erster Speaker, startete mit einem kurzen Überblick über die Geschichte der KI und ist der Ansicht, dass wir mitten in einer digitalen Revolution stecken. Seine Kernaussage war, dass eine Diskussion über die Anwendung von KI auch und gerade durch Anwälte geführt werden muss, um Grenzen und Nutzen der KI festzustellen. Das Ganze klang jedenfalls so, als sei es Konsens, dass das Thema präsent ist.


Wenn wir derzeit allerdings mit Juristen über das Thema sprechen, stellen wir vor allem fest, dass wenige von ihnen damit wirklich etwas anfangen können. Zwar spricht jeder von “Legal Tech” und davon, welche Auswirkungen die Digitalisierung vermutlich haben wird. Fragen wir jedoch nach, dann bleiben eine Menge Fragezeichen und niemand weiß eigentlich, worum es konkret geht.

Sprechen wir auf der anderen Seite mit IT Experten, dann merken wir, dass diese sich wenig Gedanken über die Frage machen, welche Auswirkungen das Recht auf die Digitalisierung hat.

Dabei kommt jeder von uns tagtäglich mit beiden Bereichen in Kontakt: Bei der Nutzung des Firmenhandys etwa und den datenschutzrechtlichen Fragen, die damit zusammenhängen. Beim privaten Surfen vom Firmencomputer, das arbeitsrechtlich relevant sein kann. Beim Empfangen von E-Mails, die Fragen zur IT Sicherheit nach sich ziehen. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele und das gilt selbstverständlich in noch größerem Maß für Unternehmen. Besonders deutlich wird das natürlich am Beispiel eines Unternehmens, dass sich zurecht als Vorreiter des Legal Tech bezeichnen darf.

Dr. Pilipp Kadelbach, Gründer von flightright und Vorreiter im Bereich Legal Tech, stellte in seinem Vortrag gut dar, welchen Nutzen die KI für Verbraucher haben kann. Sein Überblick darüber, was KI  ist und wie sein Unternehmen diese nutzt, zeigte überzeugend auf, wie Fluggäste schnell, kostenlos und unkompliziert feststellen können, ob ein Anspruch gegen eine Fluggesellschaft erfolgversprechend ist oder nicht. Seine wesentlich Erkenntnis nach mehr als acht Jahren flightright besteht darin, dass die klassische Arbeitsweise des Anwalts im Verhältnis zu der von seinem Unternehmen genutzten KI wenig präzise und wegen der hohen Anzahl der Fälle enorm schwierig ist. Dabei spricht die Erfolgsgeschichte des Unternehmens eine deutliche Sprache und unterstreicht, dass KI für den Legal Bereich zukunftsweisend ist.

Wir als plusYOU mit dem Fokus auf Legal und IT fragen uns schon seit einiger Zeit, wie sich der Rechtsmarkt in Zukunft durch die Digitalisierung verändern wird. Fest steht für uns, dass er es tut und die Frage ist nur, wann und in welchem Umfeld. Dabei wird  die Rolle der Anwaltskammern besonders interessant sein, da sie sich mit dem Thema Rechtsdienstleistungen und deren Regelungen auseinanderzusetzen haben. Was dann der Gesetzgeber daraus machen wird, damit auch Legal Tech Start Ups mehr als nur Software für Rechtsabteilungen anbieten können, wird besonders interessant sein. Spannend war in diesem Zusammenhang der Verweis auf das jüngst vom Bundesverband Deutsche Startups e.V. veröffentlichte Positionspapier “Zukunft des Verbraucherschutzes: Legal-Tech-Plattform veröffentlicht Papier zur Zukunft der Verbraucherrechtsportale”,  das sich genau diesen Fragen widmet.

Dass KI und deren Nutzung auch für andere Bereiche interessant ist, hat Thomas Belker, Vorstandssprecher und Personalchef der Talanx, verdeutlicht. Er stellte dar, wie die Talanx ihre Führungskräfte durch ein zehnminütiges Spracherkennungs-Interview mit einem Roboter einschätzen lässt. Das Interview basiert dabei auf anerkannten psychologischen Verfahren und liefert sofort im Anschluss Ergebnisse über prägnante Charaktereigenschaften der Teilnehmer. Dabei machte Thomas Belker klar, dass die Maschine ein Hilfsmittel ist und die endgültige Entscheidung über die weitere Karriere der Mitarbeiter nach wie vor beim Menschen liegt. Er betonte jedoch, dass seiner Ansicht nach das Zusammenspiel von Mensch und Maschine notwendig ist, beziehungsweise sein wird und dass die Ergebnisse der Interviews dies unterstreichen.  

Florian Stassfurth und Nikolaus Grosse/ plusYOU

Florian Stassfurth und Nikolaus Grosse/ plusYOU

Wie verlockend der Gedanke ist, dass eine Maschine nach objektiven Kriterien die Beurteilung von Mitarbeitern vornimmt, können wir gut verstehen. Durch tägliche Gespräche mit Experten aus dem IT und Legal Umfeld und deren anschließender Einschätzung und Karriereplanung, stellen wir immer wieder fest, dass es großartig wäre, wenn es ein logisches und sinnvolles Bewertungstool gäbe, dass alle fair und nachvollziehbar behandelt und einschätzt. Wie cool wäre es, wenn ein Roboter so etwas bieten könnte? Aber wäre das wirklich so cool? Oder spielt vielmehr das typisch menschliche Bauchgefühl, die Intuition, eine wesentliche Rolle bei Personalentscheidungen? Wir denken tatsächlich auch, dass es die Mischung ist, die so spannend ist und dass hier die KI eine hervorragende Ergänzung zur menschlichen Erfahrung darstellen sollte.

Bei der Veranstaltung machte schließlich John Riglar von Opentext, einem kanadischen Softwareunternehmen, als letzter Redner deutlich, dass die enorme und rasante Entwicklung im Bereich von Rechnerkapazitäten viele neue Möglichkeiten entstehen lässt. Dabei betonte er, dass die  Anwendung von KI dadurch überhaupt erst ermöglicht wird. Opentext nutzt die KI unter anderem dabei, um Inhalte komplexer Dokumente zu verstehen, zusammenzufassen und deren zentralen Aussagen zu visualisieren, was an einem Live Beispiel verdeutlicht wurde.

Wir sind gespannt, in welchem Umfang Kanzleien und Rechtsabteilungen die Möglichkeiten nutzen werden, die daraus entstehen können. Wie wird eine Großkanzlei wohl in Zukunft Geld mit ihren Associates verdienen, wenn nicht mehr sie viele Stunden mit dem Lesen von Verträgen zubringen müssen, sondern ein Roboter dies viel schneller erledigen kann?

Die Fragen in der abschließenden und auch für die Teilnehmer offenen Diskussion richteten sich vor allem an Philipp  Kadelbach und Thomas Belker. Deutlich wurde dabei, dass zwischen gesunder Skepsis und dem Wittern enormer Chancen eine Kernfrage darin zu bestehen scheint, wie KI juristisch und damit auch ethisch moralisch zu bewerten und kontrollieren ist. Insbesondere spielt die Frage, wie gesetzliche Regelungen anzupassen sind – so etwa das Betriebsverfassungsrecht oder Bereiche des Verbraucherrechts – eine zentrale Rolle. Insgesamt wurde deutlich, dass KI, Legal Tech und die Digitalisierung des Rechts ein enorm breites und spannendes Feld darstellen und es wichtig ist, darüber zu sprechen und herauszufinden, wo KI dem Menschen dienen kann.


Um einen Juristen, mit dem wir im Anschluss an die Veranstaltung gesprochen haben, zu zitieren: KI wird im Bereich Legal überall dort eine Rolle spielen, wo kein Anwalt für die Erledigung der Aufgaben erforderlich ist und ein Roboter einspringen kann. Wir sind uns sicher, dass zu diesem Punkt viel Diskussionsbedarf besteht. Und wir freuen uns darauf, daran teilzunehmen.